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Bruch des EU-Rechts droht, münd­li­che Haupt­ver­hand­lung für 22. April ange­setzt — NABU for­dert von Leip­zi­ger Rich­tern die Vor­la­ge in Stras­bourg beim Euro­päi­schen Gerichts­hof, ob die A143 gebaut wer­den darf

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Anstieg der Baukosten zur A143 nach einer Simulation von Dr. Claus Fütterer

Pres­se­mit­tei­lung, 17. April 2026

Die münd­li­che Ver­hand­lung im Haupt­ver­fah­ren NABU Halle/​Saalkreis gegen die DEGES fin­det wahr­schein­lich am Mitt­woch, dem 22. April, 14.00 Uhr im Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig statt. Die Ver­hand­lung ist öffent­lich; Ort der Ver­hand­lung: Sim­son­platz 1, 04107 Leip­zig, — Gro­ßer Sit­zungs­saal, 2. Ober­ge­schoss, Zim­mer 2.201.

Dies ist nicht das Ver­fah­ren gegen den ohne Bau­ge­neh­mi­gung errich­te­ten Tun­nel. Die­ses läuft gesondert.

Die Befug­nis, das FFH-Recht sehr “krea­tiv” aus­zu­le­gen, hat nur der Euro­päi­sche Gerichts­hof (EuGH). Wir for­dern daher eine Vor­la­ge der Fra­ge in Stras­bourg und eine Aus­set­zung des Ver­fah­rens. Es wür­de dann kei­ne Haupt­ver­hand­lung am 22.4. im Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig geben.

Einen Antrag auf Aus­set­zung des Ver­fah­rens, um die ent­schei­den­de Fra­ge dem EuGH vor­zu­le­gen, hat unser Anwalt am 15.4.26 gestellt. Wir legen die­se hier in Kopie bei.

Es geht dabei um Art. 6, Abs. 3 der Richt­li­nie 92/​43/​EWG (FFH-Richt­li­nie). Es obliegt dem EuGH, eine Vor­ab­ent­schei­dung zu tref­fen, wie die­ser Arti­kel auf die Natur­schutz­ge­bie­te im Saa­le­tal anzu­wen­den ist.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig ist zur Anru­fung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs ver­pflich­tet, weil hier Recht gespro­chen wird, das mit Rechts­mit­teln des inner­staat­li­chen Rechts nicht mehr ange­foch­ten wer­den kann (Abs. 3 Art. 6 Abs. 3 der Richt­li­nie 92/​43/​EWG).

Ein Gericht ist zur Vor­la­ge beim EuGH ver­pflich­tet, wenn es Zwei­fel bezüg­lich der rich­ti­gen Aus­le­gung des Uni­ons­rechts gibt und die Beant­wor­tung der Fra­ge ent­schei­dungs­er­heb­lich ist (CIL­FIT-Kri­te­ri­en). Bei­de Bedin­gun­gen tref­fen auf die A143 zu.

Die ent­schei­den­de Fra­ge, die Uni­ons­recht betrifft, ist die nach der so genann­ten “Nach­mel­de­flä­che”: Eine Flä­che an der Tras­se der A143 wur­de etwas spä­ter vom Land Sach­sen-Anhalt an die EU als beson­ders zu schüt­zen­des FFH-Gebiet gemel­det. Nur weil die Flä­che “ver­spä­tet” gemel­det wur­de, kann das nicht hei­ßen, dass der Schutz­sta­tus gerin­ger ist. Die Flä­che und ins­be­son­de­re die sel­te­nen Tier- und Pflan­zen­ar­ten sind nicht schuld dar­an, dass das Bun­des­land sie zu spät gemel­det hat. Der Sinn des Uni­ons­rechts ist es, dem Buch­sta­ben und dem Geis­te nach, sel­te­ne Arten zu schüt­zen. Auf kei­nen Fall ist es zuläs­sig, eine Aus­nah­me hin­ein zu schum­meln. Die Gegen­sei­te, die DEGES, will aber genau die­sen büro­kra­ti­schen Kniff gel­tend machen.

Die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts, hier des Arti­kels 6 über FFH-Natur­schutz­ge­bie­te, muss gewähr­leis­tet blei­ben. Das Über­ge­hen der “Nach­mel­de­flä­che” ohne Ver­träg­lich­keits­prü­fung wäre ein offen­sicht­li­cher Bruch des Unionsrechts.

Die Gegen­sei­te argu­men­tiert, für die Nach­mel­de­flä­che wären die sonst not­wen­di­gen Umwelt­ver­träg­lich­keits­prü­fun­gen (UVP) nicht nötig. Auch das ist falsch. Nur weil die Flä­che spä­ter ange­mel­det wur­de, gilt kein gerin­ge­rer Schutz­sta­tus. Ohne UVP darf aber kei­ne FFH-Flä­che bebaut wer­den. Die UVP steht bis heu­te aus.

Es gibt ein Uni­ons­recht, und das hat Gül­tig­keit. In einem so deli­ka­ten Fall ist vor­ge­se­hen, dass ein natio­na­les Gericht das Euro­päi­sche Gericht um Ein­schät­zung fragt.

Die Gegen­sei­te argu­men­tiert wei­ter, dass die Flä­che schon geschä­digt wäre durch den Bau der Auto­bahn. Das ist unzu­läs­sig, weil ein began­ge­nes Unrecht kein Recht schafft. Dar­über hin­aus ist das Argu­ment falsch, weil der Scha­den für die Flä­che durch Auto­ab­ga­se und Stick­stoff­ein­trag durch den Betrieb der Auto­bahn noch wesent­lich ver­schlim­mert wer­den wür­de. Es kann immer noch eini­ges geret­tet werden.

Es ist dem gesun­den Men­schen­ver­stand klar, dass die­se Fra­ge vor dem end­gül­ti­gen Urteil dem EuGH vor­ge­legt wer­den muss, denn das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt kann nicht erst sein Urteil spre­chen und danach den EuGH um sei­ne Auf­fas­sung ersuchen.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt muss den EuGH vor dem 22. April fra­gen, ob das Uni­ons­recht so “krea­tiv” aus­ge­legt wer­den kann, wie es die Gegen­sei­te bean­tragt. Damit wür­de das Umwelt­recht gebeugt, um die Kli­ma­er­hit­zung und das Arten­ster­ben wei­ter voranzutreiben.

Das Gericht hat am 29. Janu­ar gegen die Bun­des­re­gie­rung geur­teilt und die­se zur Erfül­lung ihrer Pflicht auf Kli­ma­schutz ver­pflich­tet. Das Ver­fas­sungs­ge­richt urteil­te im April 2021 für ein Recht auf Kli­ma­schutz, eben­falls gegen den man­gel­haf­ten Umwelt­schutz der Bundesregierung.

Die­se Auto­bahn wur­de 1990, vor 36 Jah­ren, erst­mals geplant. Es wäre voll­kom­me­ner Wahn­sinn, heu­te noch wei­ter den Kli­ma­wan­del anzu­hei­zen, nur um das Ein­ge­ständ­nis zu ver­mei­den, einen Feh­ler einzugestehen.

Von MDR und MZ erwar­ten wir im Sin­ne des aus­ge­wo­ge­nen Jour­na­lis­mus eine unpo­li­ti­sche und objek­ti­ve Bericht­erstat­tung. Ins­be­son­de­re der MDR soll­te dies­mal aus­führ­lich uns, d.h. NABU Halle/​Saalkreis und Bür­ger­initia­ti­ve Saa­le­tal, zitie­ren und nicht die DEGES.

Hal­le (Saa­le) /​ Ber­lin, 17. April 2026
Bür­ger­initia­ti­ve Saa­le­tal, www​.BI​-Saa​le​tal​.de
Dr. Maud von Lam­pe, Dr. Con­rad Kunze